Literatur

DAS UNGLÜCK SCHREITET SCHNELL Johannes Böhme

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1935 lernen Anny und Hermann sich in einem Stenografie-Kurs kennen. Sie verbringen den Sommer zusammen, eine gemeinsame Kanutour, Ausflüge in die Heide. Zwei Jahre später heiraten sie und Hermann wird in den Krieg eingezogen. Anny bleibt in Celle zurück. Hermann schreibt Briefe, schickt Geschenke, aus Belgien oder Frankreich.
Johannes Böhmes Roman rankt um Briefe, die die Großmutter des Autors von ihrem ersten Mann in der Kriegszeit erhalten hat. Mehr als 300 Briefe und Karten hat Hermann an die Großmutter geschrieben, ihre Antworten hat sie größtenteils verbrannt.

Anfangs scheint der Krieg für Hermann wenig bedrohlich, scheint das alles eher eine große Reise zu sein. Es gehe ihm gut, schreibt er, auch, als der Krieg schon längst nicht mehr nur die große Reise ist. Von Erschreckendem berichtet er kaum. Stattdessen erzählt er Anny vom Wetter, immer und immer wieder.

Bildschirmfoto 2019-12-08 um 16.37.18Der Autor betrieb über die Briefe hinaus viel Recherche und stellt so eine beeindruckende und bedrückende Erzählung zusammen. Auch wenn Hermann selbst in seinen Briefen nicht davon berichtet, bewahrt der Roman nicht vor dem, was Hermann in diesen Kriegsjahren, in Polen oder Russland gesehen, getan und erlebt haben muss. Manche Passagen des Romans sind nur schwer zu lesen.

Der Text wirft keinen moralischen Blick auf Annys und Hermanns Erleben. Zwei junge Erwachsene, für die der Krieg zu ihrem Leben gehörte, die die Worte Hitlers nicht anzweifeln oder hinterfragen – zumindest lesen wir nicht davon. Anny, die geduldig wartete und in der sich fast so etwas wie Stolz über ihren Mann ausbreitete, weil dieser im Krieg kämpft und Hermann, der Schrecken und Gewalt mit ansehen muss, Teil davon ist und der doch stets hinter diesem Krieg steht.

Auch wenn Anny die Situation geduldig zu akzeptieren scheint, befindet sie sich doch in einem wartenden Zustand auf eine Zukunft, in der Hermann wieder bei ihr sein wird, in der sie in der gemeinsamen Wohnung, die sie bis ins Detail einrichtet, leben werden. Und Hermann, im Krieg, unter Kameraden, wünscht sich schließlich immer mehr, dem Soldaten-Dasein ein Ende zu setzen. Er stellt Anträge, versucht eine Schreibtisch-Stelle zu bekommen. In Niedersachsen, in der Nähe von Anny. Aber es hilft nichts, es sind Fragen nach oben, die ins Leere verlaufen und so harrt Hermann aus, so wird dieser Krieg fast zu einer Art Alltag.

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Dass sie vielleicht das nächste Jahr Weihnachten zusammen verbringen, schreibt Hermann. Er zeichnet den Hauseingang zu seiner und Annys Wohnung auf einen seiner Briefe. Er hält sich an einem Leben fest und es bleibt unklar, ob er denkt, nach dem Krieg einfach wieder an dieses Leben anschließen zu können.

Mit 416 Seiten ist „Das Unglück schreitet schnell“ keine kurzweilige Lektüre und das ist gut so. Denn das Spannende und zugleich Erschreckende an diesem Roman ist die merkwürdige Alltäglichkeit, die sich sowohl in Annys als auch in Hermanns Passagen niederschlägt.


Johannes Böhme. Das Unglück schreitet schnell. 416 Seiten. Erschien 2019 bei Ullstein fünf.

 

 

 

Ein Kommentar zu “DAS UNGLÜCK SCHREITET SCHNELL Johannes Böhme

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