Literatur

INTERVIEW Miku Sophie Kühmel

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Autorin Miku Sophie Kühmel / © Andreas Labes


Miku Sophie Kühmels Debütroman „Kintsugi“ ist im August bei S.Fischer erschienen. Im Interview erzählt sie vom Arbeitsprozess an „Kintsugi“, vom Lesen und vom Schreiben.

Miku, Kannst du dich noch an den ersten Impuls erinnern? Eine erste Idee, ein erster Satz, ein erstes Bild, das den Grundstein für deinen Text gelegt hat?
Ich habe vor ein paar Tagen in meinen alten Kalendern und Notizbüchern geschaut und das erste Mal findet sich ein Hinweis im September 2017. Da steht in meinem Kalender, dass ich eine Idee habe für „:[]:“ – diese Zeichenkombination habe ich seither immer mal wieder irgendwo eingebaut, weil das mein (semi-)geheimes Piktogramm war für die vier Personen am Tisch ist. Und diese Konstellation war wohl einer der ersten Einfälle für den Roman.

 

War dir von Anfang an klar,  dass du die Geschichte aus vier Perspektiven erzählen willst? Bzw. woher rührt die Entscheidung dahingehend?
Mir hat die Ich-Perspektive zuvor nie besonders gelegen – weil sie natürlich nicht nur das ist, wozu viele Autor*innen für ihre Debüts greifen, sondern auch, weil mehrdimensional zu erzählen mit dieser Perspektive gar nicht so leicht ist. Deswegen dachte ich, wenn ich schon mit dieser Perspektive arbeite, dann will ich zum einen ganz tief in die Köpfe der Figuren hinein kommen und zum anderen sollten es dann am besten gleich mehrere sein, sodass Wahrnehmung und Wahrheit, die als Problematik beim Erinnern und beim Erzählen von Geschichten und Geschichte ja ohnehin mitschwingen, ganz direkt thematisiert werden. So überlagern sich die vier Ich-Perspektiven zu einem Vexierspiel der Eindrücke und Interpretationen der Beziehungen und Lebensläufe. Das jedenfalls… war die Idee.


In unserem letzten Interview zu deinem damals für den Blogbuster nominierten Manuskript „Fellwechsel“ hast du im Bezug auf das Reisen einen Satz gesagt, den ich sehr schön und treffend fand: „Sich von der Heimat zu entfernen, bringt eine ganz besondere geistige Distanz zu den Dingen, die einen sonst beherrschen, mit sich.“ – Steht es in „Kintsugi“ nicht sehr ähnlich mit deinen Figuren, nur dass sie nicht hinaus in die weite Welt reisen, sondern ins Nahe, aber Abgelegene? Ist es auch hier der Ort, der für deine Figuren ein Umdenken und ein Handeln anstößt – eine Bewegung, die so wahrscheinlich nicht in der Großstadt/im Alltag geschehen wäre?
Klar, die Uckermark verändert die Menschen! Aber Scherz beiseite: tatsächlich mussten die vier sich in eine Art Isolation begeben. Das ist, denke ich, eine Kerneigenschaft des Kammerspiels, dass die Figuren wie unter einer Kuppel in einer Versuchsanordnung zusammen kommen, in der Konflikte hervortreten und Fragen gestellt werden, die im Alltag vielleicht untergehen würden. Für „Kintsugi“ habe ich irgendwann sogar das Bild der Schneekugel gewählt, wo alles Installation wird, jede Bewegung, jedes Objekt einen Sinn bekommt, eine Bedeutung. Und ganz schlicht gesagt kennt man das vielleicht von Feiertagen, an denen die Familie zusammen kommt: so eine Zusammenkunft kann schnell sehr explosiv werden.

Das Haus am See spielt ja eine große Rolle im Roman, es ist gewissermaßen Zentrum – dort kommen Konflikte in der Gegenwart zu Tage und von dort aus blicken die Figuren auch zurück in die Vergangenheit. Gab es für das Haus ein klares Vorbild? Hast du mit Fotos oder Skizzen gearbeitet?
Tatsächlich habe ich relativ viel Bildmaterial gesammelt und mir auch einen (sehr groben) Grundriss gezeichnet, damit ich bei allen Wahrnehmungsunterschieden trotzdem noch an das gleiche Haus denke. Und damit man auch beim Lesen die Orientierung behalten kann. Häufig sind es aber auch Details, einzelne Möbelstücke oder Bauelemente, die sich sukzessive als elementar herausgestellt haben.


Gibt es Themen und Motive, die dich in deinem Text besonders interessiert haben und warum?
Das ist ja eine große Frage! Ein sehr wichtiges Thema, um mal bei einem Beispiel zu bleiben, ist die Beziehung „über Kreuz geschlechtlicher“ Eltern-Kind-Beziehungen, also: das fragile Band, das es häufig zwischen Müttern und ihren Söhnen bzw. Vätern und ihren Töchtern gibt. Natürlich ist jede familiäre bzw. zwischenmenschliche Beziehung besonders, aber gerade diese Verhältnisse haben für mein Dafürhalten oft eine besondere Zartheit und können sehr spannungsvoll und prägend sein. Deshalb gibt’s im Roman praktisch wie Sedimentschichten zunächst eine Generation Mütter (an die erinnert wird), eine Generation Väter/Söhne (Max, Reik, Tonio) und eine Generation Töchter (Pega).


Das Arbeiten an einem großen Schreibprojekt ist ein komplexer Prozess – siehts du bestimmte Phasen in diesem Prozess? Was ist der erste Schritt und wie geht es dann weiter?
Im Nachhinein gab es gleich mehrere erste Schritte – verschiedene Ideenwege im Kopf, die dann aufeinander zu liefen und sich glücklicherweise gut vertrugen. Das Kammerspiel, die Uckermark, das homosexuelle Paar, was lange zusammen ist, der Teenievater, die alten und neuen Schwärmereien und als verbindendes Bild eben Kintsugi – dieses japanische Kunsthandwerk. Nachdem diese grundsätzliche Konstellation klar war, gab es bald die recht konkrete lineare Kapitel-Struktur. Und darin konnte ich mich dann gewissermaßen austoben, was Gedankengänge, Erinnerungen, Dialoge, Konfrontationen betraf.


Gab es für dich einen besonders wichtigen Schritt/ bzw. eine besonders große Hürde in diesem Prozess?
Sobald die Struktur der Kapitel grob stand, ging vieles andere leichter, vor allem das Loslassen und Laufenlassen der Erzählung. Trotzdem würde ich sagen, dass das letzte Drittel des Romans vielleicht das Schwerste war. Denn es ging nicht nur darum, neben der mir eigenen Sturheit, was das Schreibenwollen betrifft, auch Ausdauer zu beweisen. Da sollten dann inhaltlich ja auch Fäden wieder zusammenlaufen und gleichzeitig nochmal Gedanken untergraben werden. Da gab es schon die eine oder andere Krise, Blockade, all das. Aber ich bin eben stur.


Wie lange hast du an deinem Roman gearbeitet?

Insgesamt war es ein bisschen mehr als ein Jahr.


Wo und wann schreibst du?  
Für die intensiven Schreibphasen hatte ich teilweise tatsächlich sogar Termine im Kalender; oft morgens von 8 bis 10 Uhr. Das war dann aber ein Punkt, an dem vieles an Vorbereitung schon geschehen war. Örtlich gebunden bin ich gar nicht, Tunnelsituationen sind gut: Lesesäle und Züge etwa. Aber auch die entlegenen Balkone von Freund*innen.


Gab es Hilfsmittel, die dir geholfen haben diesen Prozess zu strukturieren – Skizzen, Tabellen, Graphen, Notiz- oder Fotobücher?
Ich habe ein Notizprogramm, was Cloud-basiert ist und auf das ich deshalb immer über mobile Endgeräte zugreifen kann. Da gibt es so Karteikarten, im Prinzip ist es, wenn man möchte, eine Art Zettelkasten. Ich habe aber auch immer ein ganz klassisches, zerwühltes Notizheft, was mitkommt und manchmal nehme ich sogar kleine Memos auf, die ich dann aber immer irgendwann abhören muss. Da verschwindet auch glaub ich vieles wieder im digitalen oder mentalen Abyssos.


Schreiben und Lesen – geht das für dich zusammen? Bedingt das eine das andere?

Das hat C.P. Cavafy (über David Hockney) schon perfekt beantwortet, deshalb:

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Aus: C. P. Cavafy: Selected Poems. London 2008.

 


Hast du in der Vorbereitung oder während des Schreibens an deinem Manuskript viel gelesen und wenn ja was?
Diese auf Japan bezogene Schicht im Roman ist nur eine von vielen. Wenn ich jetzt in meine Aufzeichnungen schaue, dann sehe ich schon, dass ich bei allem, was ich gelesen und gesehen habe, immer an die vier Figuren gedacht habe in dieser Zeit… Aber vielleicht beispielhaft: gelesen hab ich so ziemlich alles, was mir an japanischer Literatur in die Finger kam; von Märchen und Haikus über Reisebeschreibungen von Bashô u.a. bis in die Gegenwartsliteratur, theoretische Blicke aus und auf Japan… Tatsächlich habe ich auch viel Japanisch geübt – einfach, weil es mir wichtig war, den großen Klischees – Kirschblüten, Kimonos, Karate – zu entgehen. Und weil ich so tief wie möglich in ästhetische Denkansätze kommen wollte. Hätte es zu der Zeit übrigens den zweiten Band der „Berichte aus Japan“ von Igort schon gegeben, wäre das viel einfacher gewesen. Seine beiden Comics zum Thema kann ich sehr empfehlen als Einstieg in einen etwas spannenderen Blick auf das Land und die Kulturgeschichte. Das schönste bei ihm ist, dass er als Zeichner eben selbst auch von den Zeichen her denkt. In direkter Nachfolge von Roland Barthes, quasi. 

Liebe Miku, vielen Dank für das Gespräch!

 

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