Literatur

KINTSUGI Miku Sophie Kühmel

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Manchmal braucht es nicht viel, um eine gute Geschichte zu erzählen. Ein Haus am See, ein Wochenende und vier Menschen. Das genügt, daraus entspinnt sich etwas Großes, in Miku Sophie Kühmels Debütroman „Kintsugi“.

Auf das Lesen und Besprechen von „Kintsugi“ habe ich mich ganz besonders gefreut. Letztes Jahr habe ich Miku Sophie Kühmels Manuskript „Fellwechsel“ als Teil der Blogger*innen Jury für den Blogbuster 2018 nominiert. Nun ist im August „Kintsugi“ bei S. Fischer erschienen.

Bildschirmfoto 2019-09-05 um 21.16.23Kintsugi – die Bezeichnung für ein japanisches Kunsthandwerk, zerbrochenes Porzellan mit Gold zusammenzufügen. Im Roman zerbricht tatsächlich eine Teeschale aus Porzellan, im Roman wird diese auch wieder zusammengefügt. Aber, was hier noch mehr zu zerbrechen, oder nein, vielleicht eher zu zerfasern scheint, sind Beziehungen.

Bildschirmfoto 2019-09-05 um 21.15.50.pngMiku Sophie Kühmel betrachtet diese Beziehungen von allen Seiten, als flirrende Lichter, als Drahtseile und manchmal auch als etwas schonungslos Zerbrechliches. Da wären Max und Reik, ein Paar seit zwanzig Jahren, da wäre Tonio, ein langjähriger Freund und Reiks erste große Liebe und Pega, Tonios Tocher, die ohne Mutter aber mit eben jenen drei Männern aufwuchs. In „Kintsugi“ kommen alle vier Figuren zu Wort. In der Art wie sie voneinander und übereinander erzählen ahnt man schnell – keine dieser Beziehungen ist makellos, aber alle sind sie bedeutsam. Max, der unter Reiks Erfolg in der bildenden Kunst leidet und ihn doch bewundert oder Tonio, der seine Tochter Pega über alles liebt, sich aber wünscht, sie würde noch einmal klein sein und darauf warten, dass er ihr Spagetti kocht.

Es ist nichts großes, lautes, was die Beziehungen zwischen den Vieren aufrüttelt. Ein einsames Wochenende in einem Haus am See. Das Wochenendhaus von Reik und Max, vor vielen vielen Jahren gekauft. Pega und Tonio waren dort immer eingeladen. Die beiden Menschen, die Max und Reik ohnehin zu allem einladen, was es zu feiern gibt. So auch das Jubiläum an jenem Wochenende: Zwanzig Jahre Max und Reik.

Bildschirmfoto 2019-09-05 um 21.16.33.pngMiku Sophie Kühmels Sprache hat mich schon in „Fellwechsel“ überzeugt. Auch in Kintsugi ist sie klar und bildhaft zugleich, erschafft so viel Atmosphäre, dass man die Erzählung betreten kann, wie einen Raum. Im Lesen erscheint alles ganz klar: das Ferienhaus, in dem alles wie auf einem Schachbrett steht, der Wald in einem schimmernden Spätwinterlicht und die ganze Gegend, die in Blassorange geht.

„Kintsugi“ zeigt, dass es für große Geschichten nicht den großen Plot braucht, sondern dass sich gerade mit interessanten Figuren und Zwischenmenschlichem große, ja vielleicht noch größere Geschichten erzählen lassen.

Für „Kintsugi“ hat Miku Sophie Kühmel den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung erhalten. Der Roman ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.


Miku Sophie Kühmel. Kintsugi. 304 Seiten. Erschien im August 2019 bei S. Fischer.

Zum Interview mit der Autorin zum Blogbuster 2018 geht es hier. Wer den Text von der Autorin gelesen hören möchte findet hier die Lesungstermine und kann außerdem hier reinhören.

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