Literatur

FREIRAUM Svenja Gräfen

img_9843-e1559763122614.jpgVela und Maren sind schon seit Jahren ein Paar. Auf den ersten Blick ist alles gut. Sie führen eine glückliche Beziehung, haben Zukunftspläne, wollen ein Kind bekommen, zumindest irgendwann, wenn sie ihre Wohnsituation geändert haben. Denn in ihrer kleinen Wohnung, mitten in der Stadt, fällt immer wieder die Heizung aus, die Fenster sind undicht und der Mietpreis wird trotzdem regelmäßig erhöht.

Bildschirmfoto 2019-05-10 um 07.43.09Maren ist Tänzerin, gibt hier und da Unterricht oder bekommt Engagements für Stücke. Vela ist mit dem Studium fertig, sie sucht nach einem Job, aber die Bewerbungsphase will nicht enden. Zum Überbrücken jobbt sie in einem Büro, kommentiert und filtert Kommentare. Damit es irgendwie weiter geht, muss sich etwas ändern, denken Vela und Maren. Vela durchforstet in jeder freien Minute das Internet nach Wohnungsanzeigen, aber Wohnraum in der Stadt ist teuer und nur schwer zu bekommen – erst recht ohne festen Job. Als Maren die Nachricht von ihrer Schwester Jo erhält, dass in ihrem Wohnprojekt – ein großes Haus mit ausladenden Zimmern und Garten – etwas frei wird, scheint diese Nachricht wie ein Licht am Ende des Tunnels zu stehen. Nachdem Maren und Vela dort waren, das Haus besichtigt und die anderen kennen gelernt haben, steht fest: Das ist ihre Chance.

Bildschirmfoto 2019-05-10 um 07.42.13Während Maren sich schnell in der neuen Wohnsituation einfindet, stellt sich in Vela nach und nach etwas quer. Die Gemeinschaft, die erst so harmonisch und offen wirkt, kommt ihr zunehmend enger und verstrickter vor. Das Haus gehört Theo, einem Landschaftsarchitekten, der nebenbei an einem Projekt arbeitet, in dem er Eicheln für die Nahrungsmittelindustrie verwertbar machen möchte, um dem Welthunger entgegen zu steuern. Theo vermietet Zimmer, möchte mit dem Wohnprojekt eine echte Alternative zum unsicheren und anonymen Leben in der Stadt schaffen. Neben Marens Schwester Jo, ihren Mann Karsten und der Tochter Eli leben noch Theos Freundin Ellen, Darek und Nat im Haus. Sie alle bilden eine Gemeinschaft, zu der nun auch Maren und Vela gehören. Es wird zusammen gekocht, gegessen und eingekauft und seit neuestem gibt es, so hat es Theo vorgeschlagen, auch regelmäßige Gesprächs- und Austauschrunden. Neben aller Idylle, neben all der vermeintlich lockeren Atmosphäre und demokratischen Struktur erahnt Vela etwas, das so niemand im Haus zugeben würde. Diese Gemeinschaft hat einen Mittelpunkt: Theo. Alles dreht und positioniert sich um ihn.

Bildschirmfoto 2019-05-10 um 07.43.51Svenja Gräfen hat auch nach „Das Rauschen in unseren Köpfen“ mit „Freiraum“ wieder einen Roman geschrieben, den ich nicht mehr aus der Hand legen wollte. So eng und konzentriert erzählt er von Dynamiken in einer Gemeinschaft und so nah ist er an Velas und Marens Lebenswelt, an ihren Träumen, die nach und nach an der Realität zu zerbröckeln scheinen.

„Freiraum“ erzählt von der Gratwanderung zwischen einer hellen Zukunftsvorstellung und der Überforderung einen Platz und einen Weg inmitten der gesellschaftlichen Verhältnisse zu finden. Während Vela keine Alternative sieht, als weiter zu suchen, während sich ihre Gedanken in Sorgen und Ängste um die Zukunft verlieren, will Maren nichts anderes als endlich den Anker auszuwerfen, endlich anzukommen in der vermeintlichen Idylle auf dem Land, endlich mit der Zukunft zu beginnen, von der sie und Vela schon so lange sprechen.


Svenja Gräfen. Freiraum. 304 Seiten, erschien im März 2019 bei Ullstein fünf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s