Literatur

WIE ICH FÄLSCHTE, LOG UND GUTES TAT Thomas Klupp

img_8961.jpgIm Prinzip ist doch unser ganzes Leben ein Spiel mit Realität und Fiktion, oder nicht? Sich ein Image zusammenbasteln. Einen Filter übers Foto legen. Im richtigen Moment das Richtige posten und somit im richtigen Licht dastehen. Ein Social-Media Phänomen? Ach was! Wer braucht schon Facebook, Youtube und Instagram? Benjamin Jäger und seine Family auf jeden Fall nicht. In der Kleinstadt Weiden hat man das mit dem Fälschen, oder sollte man vielleicht sagen, ‚der Realität auf die Sprünge helfen‘, auch ohne die Sozialen Medien verstanden.

Bildschirmfoto 2018-10-19 um 11.55.33.pngBenedikt Jäger ist Schüler und geht in die 10. Klasse auf ein Elite-Gymnasium. Im Tennis ist er ein Profi, in der Schule leider nicht. Das mit dem Tennis passt hervorragend in die Welt seiner Familie. Sie wohnen in einem großen Haus mit Pool und wenn seine Mutter ihre Lady-Lions zu Besuch hat, dann bittet sie Benni schon mal (wie zufällig) in seinen Tennis Klamotten vorbeizulaufen, das ergibt nämlich ein super Bild! Dass sie ein tolles Leben haben, das dürfen andere auch mal sehen! Und weil man das nicht immer automatisch sieht, hilft man eben hier und da nach. Gut ist, dass Benjamins Mutter ihm bei solchen Aktionen entgegen kommt. Da springen immer ein paar Scheine für ihn raus. Eine Win-Win Situation also. Besonders gut bezahlt sind die Anrufe. Das läuft so: Benni ruft zu einem vereinbarten Zeitpunkt bei ihr an. Alles was er tun muss ist schweigen und die Verbindung halten. Seine Mutter redet dann in Französisch oder Italienisch mit ihm. Versteht er nicht, ist aber auch egal. Wichtig ist, was bei ihren Ladys ankommt: Eine moderne Frau, die internationale Freundschaften pflegt. Tut sie ja auch. Nur rufen diese Freunde eben nie an. Aber dafür gibt’s ja zum Glück Benni!

Bildschirmfoto 2018-10-19 um 11.56.53.pngNur mit der Schule ist das so eine Sache. Dass er schlechte Noten schreibt, das kann er seinen Eltern natürlich nicht sagen. Das würde ja ihre ganze Welt zerstören und das will er nun wirklich nicht. Benni dreht deswegen ab und zu an der Wahrheit. Er fälscht Unterschriften, Klassenarbeiten, Krankmeldungen. Kostet enorm viel Zeit, aber Benni hat alles unter Kontrolle. Zumindest eine Zeit lang. Irgendwann werden die Situationen immer verstrickter und bringen Benni mehr und mehr ins Schwitzen. Aber einmal angefangen, kommt Benni da natürlich nicht mehr so leicht raus. Dann würde ja alles auffliegen und das ist auch keine Option!

Thomas Klupps neuer Roman, liefert in Zeiten von Fake-News und Selbstoptimierung einen aktuellen literarischen Debatten-Beitrag. Nicht schwarzmalerisch, sondern mit einer ausgezeichneten Art Humor. Erzählt wird nämlich tagebuchartig, in Bennis Sprache. Im Prinzip ist „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ ein Coming-of-Age Roman, auch, wenn da nicht so richtig viel of-Age kommt. Benni bleibt Benni, erzählt uns bis zum Ende in seinem pubertierenden Wortschwall. Krumm nehmen kann man Benni das ganze Fälschen und Lügen nicht. Ach Benni, denkt man sich stattdessen nur und hofft selbst nach der Lektüre noch weiter, dass Benni nicht auffliegt, dass Benni die Kurve kriegt. Denn im Grunde ist Benni neben allem Fälschen und Lügen doch irgendwie herzensgut, oder?


Wie ich fälschte, log und Gutes tat. Thomas Klupp, 256 Seiten. Erschien am 04.09.2018 im Berlin Verlag (Piper).

Ein Interview mit dem Autor kann Hier gelesen/angehört werden.

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