Literatur

MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN Lukas Rietzschel

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Die Welt von Philipp und Tobi ist zunächst sehr still und sehr beschaulich. Da gibt es die Grube und den Schutthaufen, da wird gebaut, bis irgendwann ihr Haus steht. Neben dem Haus, das Maisfeld und die Kastanie auf dem Nachbargrundstück. Alles scheint nicht nur still, scheint verdächtig still. Scheint nicht nur beschaulich, scheint drückend beschaulich. Neschwitz, ein Ort, in dem in der Nacht nur jede zweite Laterne eingeschaltet ist und in dem Menschen wir Uwe leben. Ein einsamer Arbeitskollege des Vaters, der eine Zeit lang ständig auf der Baustelle und schließlich in Tobis und Phillips Haus rumhängt.

Bildschirmfoto 2018-09-07 um 15.47.22.pngTobi schaut zu Philipp auf. Der große Bruder, der schon in die Schule geht, der schon etwas über Vulkane weiß. Irgendwann kommt auch Tobi in die Schule. Monate und Jahre verstreichen. Einmal sind Philipp und Tobi bei den Großeltern zu Besuch und sehen im Fernsehen zwei Flugzeuge, die in zwei Türme fliegen. Die Türme stürzen in sich zusammen. Am nächsten Morgen malt Tobi einen Panzer. „Krieg?“, schreibt er darüber.

Im September entdeckt Tobis und Philipps Mutter etwas in den Steinbrüchen im Wald. In den Seen, in der Nähe des Schamottewerkes wird alles mögliche entsorgt: Mofas, Weihnachtsbäume, Einkaufswägen. Im September entdeckt die Mutter ein rotes Auto. Die Polizei findet einen Menschen darin: Uwe. Das spricht sich in Neschwitz schnell herum. Man sagt, er habe auch eine Waffe bei sich gehabt.

Im Winter hat jemand etwas auf den Findling im Schulhof gesprüht. Philipp beobachtet, wie sich eine große Gruppe um den Stein schart. Als er näher heran tritt erkennt er ein Kreuz mit Zacken. Wie ein Zahnrad, denkt Philipp. Der Findling wird vom Direktor mit einem Tuch abgedeckt. Mit anderen Schmierereien machen die das nicht, das weiß Philipp. Mit dem Vorfall müssen einige der Älteren zu tun haben, die immer mit den Autos vor der Schule rumhängen. Menzel zum Beispiel, den Namen hatte Philipp mal von Ramon aufgeschnappt und sich gemerkt. Ramon, den Philipp aus der Schule kennt, scheint etwas mit den Älteren zu tun zu haben. Zu ihm fährt Philipp mit dem Fahrrad. Zufällig soll es wirken, nur mal vorbei schauen.

Bildschirmfoto 2018-09-07 um 15.49.03.pngSilvester feiern Philipp und sein Freund Christoph bei Ramon und den anderen. Menzel ist auch dabei. „Das sind Nazis“, sagt Christoph auf dem Rückweg. Philipp verneint. Nur weil dort Fahnen hängen, weil man Steine oder Zapfen nach Sorben schmeißt oder einfach mal stolz auf das eigene Land ist, ist man doch kein Nazi. Und selbst wenn, wäre es Philipp egal…

Lukas Rietzschel erzählt über eine rechte Szene, die vermutlich genau so heute denkbar ist. Es ist keine belehrende Geschichte. Sein Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ bleibt bei Philipp und Tobi, den beiden Brüdern. Er nimmt ihre Kindheit in den Blick, die Schulzeit, ihre Erleben in dieser engen, aussichtslosen Welt in Neschwitz, aus der sie nicht heraus kommen. Die Erzählung betrachtet ein Radikalisieren, aber ein schleichendes, das aus einem Frust und aus einer Aussichtslosigkeit heraus entsteht. Als Leserin bleibt man stets nah an den Figuren, man weiß um ihre Kindheit, um ihre Familie und man glaubt etwas an ihrem Handeln nachzuvollziehen zu können. Diese Nähe, diese Nachvollziehbarkeit macht diese Geschichte so stark.

Die Erzählung erstreckt sich über viele Jahre, über eine ganze Kindheit und Jugend und nimmt in einer klaren Sprache diverse prägende Szenen aus Tobis und Philipps Leben in den Blick. Damit ist „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht alleine eine Auseinandersetzung mit einer rechtsradikalen Szene, es ist auch eine Geschichte über Perspektivlosigkeit, Ziellosigkeit und Frustration zweier Individuen.


Mit der Faust in die Welt schlagen. Lukas Rietzschel, 320 Seiten, erschienen 7. September 2018 bei Ullstein.

Ein Interview mit dem Autor könnt ihr euch auf resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage  ansehen.

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