Literatur

DIE IDEALE LESUNG

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Hinweise für eine Veranstaltung mit Ernst Jandl, unter dieser Überschrift verfasste der Dichter Ernst Jandl eine mehrseitige Ausführung, in der erklärt wurde, welche Voraussetzungen und Umstände gegeben sein mussten, um dem Dichter eine ideale Lesungsvoraussetzung zu schaffen.
Jandl vermerkt Details der Bühnenbeleuchtung und dem Soundcheck über Pressebegegnungen oder dem gemeinsamen Lokalbesuch nach der Lesung. Die Lesung schien für ihn keine bloße Pflicht, sondern ein Bühnenereignis, eine Performance, die eine gewisse Planung und Vorbereitung bedarf, zu sein.

Klaus Siblewski, der Jandl als Lektor betreute, fand jene Ausführungen im Literaturarchiv der österreichischen Nationalbibliothek und bat daraufhin zusammen mit Hanns-Josef Ortheil 21 Autorinnen und Autoren zu Jandls Text Stellung zu nehmen und für den kleinen Band ihre „Ideale Lesung“ zu skizzieren.  Das kleine Buch versammelt ganz unterschiedliche literarische Stimmen und mit ihnen unterschiedliche Lesungserfahrungen und -erwartungen.

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Juliana Kálnay beispielsweise, die über ihrer erste Lesereise mit ihrem Debüt „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ nachdenkt und das Vermittlungspotential einer Lesung hervor hebt.
Thomas Klupp, der auf unterhaltsame Art reflektiert, warum er nie selbst freiwillig Lesungen besucht (weil alles an diesen Veranstaltungen ihn enorm anstrenge und langweile und ihn eigentlich nur die Party nach der Lesung interessiere) und schließlich sieben goldene Regeln für eine ideale Post-Lesungsatmosphäre aufstellt.
Oder Ronja von Rönne, die an die beste Vorleserin – ihre Großmutter, denkt und daran, wie das großmütterliche Vorlesen ihr Schreiben beeinflusste.

Mit dieser Ansammlung an Beiträgen stellt die Anthologie Fragen nach zeitgenössischer Lesungspraxis und eröffnet ein Weiterdenken. Wo liegt der Reiz an Lesungen? Hat das Format der Wasserglaslesung ausgedient? Wie ernst wird das Format der Lesung und damit die Vorbereitung darauf genommen? Und muss eine Lesung nicht endlich als ein Teil der Kunst, als eine Performance verstanden werden und würden sich daraus ganz neue Möglichkeiten eröffnen?Bildschirmfoto 2018-05-17 um 10.07.49

Der Band liefert für seine 144 Seiten nicht nur zahlreiche Einblick und Eindrücke von Lesenden und Schreibenden, er leistet meiner Meinung nach etwas sehr Essenzielles: Er stößt ein Nachdenken über etwas an, das bis jetzt so in der Literaturwissenschaft kaum Beachtung findet: Die Lesungspraxis. Was in der bildenden Kunst bereits seit Jahren oder Jahrzehnten angekommen ist: Die Frage nach der Präsentation des Werkes und nach der Künstler*innen-Inszenierung, ist in der Literatur allerhöchstens ein relevanter Gegenstand in der Pop-Literatur-Forschung (Rainald Goetz‘ Schnitt in die Stirn beim Ingeborg-Bachmann Wettbewerb oder das durch inszenierte Auftreten von Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre).
Bildschirmfoto 2018-05-17 um 09.50.38Die Anthologie eröffnet ein Feld, das noch allerhand Forschungsraum bietet und in den nächsten Jahren in der Literaturwissenschaft sicherlich und hoffentlich noch weiter betreten werden wird. „Die ideale Lesung“ ist ein gelungener Einstieg und eine spannende und unterhaltsame Lektüre!


Die ideale Lesung. Herausgegeben von Klaus Siblewski und Hanns-Josef Ortheil, 144 Seiten, erschien 2017 in der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung Mainz.

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