Literatur

INTERVIEW Miku Sophie Kühmel

Im Gespräch. Für textmagazin hat Miku Sophie Kühmel einige Fragen beantwortet. Zum Schreiben, zum Reisen, zum geschriebenen und gesprochenen Wort und natürlich zu „Fellwechsel“.

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© Elisabeth Rank


Neben dem literarischen Schreiben produzierst du auch Podcasts. Was kann das geschriebene Wort, was das gesprochene nicht kann und umgekehrt?

Aus einer Hörer- bzw. Leserperspektive heraus ist man mit dem gedruckten Wort ganz allein und für sich. Alle Imaginationen und Interpretationen sind einem selbst überlassen. Das ist ja das Magische am Lesen.
In Audio fühlt sich die Kommunikationssituation via Kopfhörer auch sehr intim an. Eine Erzählung, eine Stimme kann sich über einige Minuten entfalten, ohne dass es dazu ein Bild gibt, was oft schneller und leichtfertiger in eine Schublade gesteckt wird. Aber trotzdem ist die Erzählsituation eher passiv. Als Macherin mag ich an Audio den sehr technischen und kompositorischen Aspekt der Arbeit und den ganz anderen Umgang mit Elementen, die einfach nicht (oder schwer) beschreibbar sind: Stimmen, Geräusche, Musik.Bildschirmfoto 2018-03-08 um 19.49.28
Das geschriebene Wort war allerdings meine erste Liebe – so kitschig das klingen mag. Mit einem ollen Kugelschreiber auf einer Serviette in wenigen, gewählten Sätzen große Bilder zu malen und Räume zu bauen und Dinge zum Leben zu erwecken, fasziniert mich daran bis heute. Es ist für mich die schnellste Art, meiner Kreativität, die mir, jawohl, ein Bedürfnis ist, freies Geleit zu geben.


Du warst selbst mal in Island. War diese Reise der ausschlaggebende Punkt f
ür „Fellwechsel“?

Jein. Zwei der Figuren und ihre Geschichte mit dem überbuchten Flug trage ich schon eine Weile mit mir herum. Als ich 2015 dann im Februar das erste Mal durch Island gereist bin (und ja, um diese Jahreszeit war das dumm und leichtsinnig und unfassbar schön), rollte sich vor mir plötzlich die perfekte Kulisse auf. Nach und nach wurde die Insel mit ihren geografischen Gegensätzen und Aufgeladenheiten selbst zum Protagonisten. Als ich dann noch auf die Fuchsgedichte der isländischen Jäger stieß, führte einfach kein Weg mehr an diesem Land vorbei. Zum recherchieren bin ich auch 2016 noch einmal im September hin geflogen. War auch schön, obwohl Reykjavík zu dieser Zeit eine erheblich hörere Schwabendichte aufweist, weil offenbar der halbe Prenzlauer Berg da Urlaub macht (endlich mal die North Face Jacken richtig einsetzen).


In deinem Manuskript taucht immer wieder das Motiv des Eisfuchses auf. Was hat der Eisfuchs f
ür eine Bedeutung für Rina?

Ich gebe es zu: wie viele Deutsche habe auch ich einen gewissen Tierfimmel. Der Polar- bzw. Eisfuchs ist das einzige natürlich in Island eingewanderte Tier. Er war da, bevor Mönche und Wikinger das Land betraten. Er wurde lange aufwändig bejagt, Fuchsfelle waren eine Zeit lang mal eine gängige Währung. Mittlerweile belegen Studien allerdings, dass das Überleben für die Füchse auf der Insel ohnehin derart hart ist, dass jene jungen und unerfahrenen Tiere, die erlegt werden, genausogut vom darauf folgenden ersten Winter dahin gerafft werden. Der Mensch hat hier also keinerlei echten Einfluss auf die Population und schießt sich trotzdem weiter einen sprichwörtlichen Wolf. Als Motiv hat der Polarfuchs eine wundervoll mythologische, historische, spirituelle Aufladung und lag als Element der Erzählung ganz schnell auf der Hand. Das großspurig zu interpretieren, würde ich mal anderen überlassen, aber als perfekt angepasster Fremder, als dämonisch-geisterhafter Begleiter und Symbol für den Umbruch und damit Namensgeber für den Roman war er schnell unabdingbar.


Sind f
ür dich Reisen und Schreiben Tätigkeiten, die einem ähnlichen Impuls entspringen?

Bildschirmfoto 2018-03-08 um 19.53.12Nein. Aber ich glaube, dass sie gut zusammen gehen und schnell ineinander greifen. Damit meine ich nicht nur, dass ich es ganz großartig finde, in Bewegung zu schreiben (egal ob Interkontinentalflug oder mit dem Bus einmal quer durch Berlin-Wedding). Sich von der Heimat zu entfernen, bringt eine ganz besondere geistige Distanz zu den Dingen, die einen sonst beherrschen, mit sich. Man kann auf alles leichter „drauf schauen“, es einfach schweigend in sich arbeiten lassen, während man in die Fremde und das Fremdsein abtaucht. Und das hilft dann im Nachgang beim Schreiben. Wie Bashô sagen würde:

„No wo yoko ni
uma hiki muke yo
hototogisu“


Wie und wo schreibst du?

Nachmittags und in der Badewanne.

Welches Buch hast du zuletzt gelesen und welches würdest weiterempfehlen?

Zuletzt: Eva Menasses Quasikristalle. Schillernd und klug.
Empfehlung: Christine Wunnickes Der Fuchs und Dr. Shimamura. Ein völlig zu Unrecht nicht so bekanntes, schmales, elegantes und unheimliches Buch. And another fox.

Liebe Miku Sophie, danke für das Interview!


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