Literatur

FELLWECHSEL Leseprobe Miku Sophie Kühmel

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© Miku Sophie Kühmel

An keinem anderen Ort der Welt wäre bei diesem Wetter ein Flugzeug gestartet. Doch es ist Ende März in Nordisland. Und nach einem so langen Winter wie dem letzten sind selbst die Isländer ungeduldig. Da kann der Schnee sich zu kaum durchschaubaren Wehen verwirbeln, sodass man nicht zu unterscheiden vermag, wo Wasser aufhört und Himmel anfängt. Selbst wenn man bei jeder kleinen Kopfbewegung darauf achten muss, Mund, Nase und Augen zu schützen, um zu vermeiden, dass Händevoll Eiskörner überall hinein peitschen.
Von einer Seite des Fjords kann man kaum die wenigen hundert Meter weit zur anderen schauen, geschweige denn erkennen, dass dort tatsächlich so etwas wie ein Flughafen liegt. Hinter den Wänden aus Schnee erahnt man nur einen rötlichen Fleck vor der monströsen blauschwarzen Felswand. Fährt man dann mit dem Auto 7 Minuten die lange Armbeuge des Fjords entlang und erreicht auf diesem Weg das andere Ufer, steht man vor dem großen Haus, das, wie alle Häuser hier, von weit weg schön, urig, holzgetäfelt aussieht, sich von nahem jedoch als lediglich wellblechbeschlagen und mit fuchsrotem Lack bepinselt herausstellt.
Dieses rote Haus, das Flughafengebäude, hat nur eine Etage, keinerlei Nachbarhäuser und besteht im Inneren nur aus einem einzigen Raum, eine Art Wartezimmer, das einen per Mobiliar direkt zurück in die Siebziger katapultiert. Wo man hinsieht, gibt es Würfel und Quader in orange und rot und grau: Wand- und Deckenverkleidung, Lampenschirme, Fußböden, Türen,Fenster. Selbst die müllabfuhrorangen Wartebänke, je eine Handvoll einzelner Sitze, gemuldet und trotzdem für niemanden bequem, sind glatt und kalt. Der Coca-Cola-Automat fügt sich perfekt ins Bild. Kein Geruch ist auszumachen. Die Neonröhren in den Lampenwürfeln werfen ihr Kühlkammerlicht in jede Ecke. Erst als die Automatiktür aufgleitet, bewegen sich, gemeinsam mit der nächsten Schneewehe, zwei Figuren in den Raum. Die beiden stellen sich dicht nebeneinander an das bodentiefe Fenster, das zur Landebahn hin ausgerichtet ist. Eine der beiden ist Rina Hermlin.

[…]

Die Internationale Messe für Salzwasserfischfang in Ísafjörður ist die größte – weil einzige – internationale Messe Nordislands. Jedes Frühjahr, nach der Schneeschmelze und bevor im Sommer ein paar kleine Musikfestivals die Dörfer in den weitläufig zerklüfteten Westfjorden aufmischen, reisen mehrere tausend Fischer, Großhändler und Konservenproduzenten von allen Kontinenten an. Die ganze Woche lang, wohin man auch kommt, schleicht einem der salzig-tranige Fischgeruch um die Nase. Auf jedem freien Platz in den engen Straßen werden Büdchen und Stände aus Wellblech und Sperrholz errichtet, alle Konferenzräume und Hallen, alle Restauranttische und Hotelbetten sind ausgebucht und ununterbrochen wird gesprochen. Großkonzerne, Start-Ups, Umweltaktivisten. Verhandlungen, Diskussionen, Demonstrationen. Verkäufe abschließen, Vertriebswege ausloten, sich vernetzen, sich streiten und wieder vertragen – Fisch ist Politikum. Henning hatte Rina das alles als einen großen Rummel verkauft, mit seinen immer hektischen Gesten Luftschlösser malend, dass sie endlich ihre ersten wichtigen Klienten an Land ziehen könnten. Mit der richtigen Strategie würden die ihnen tonnenweise ins Netz gehen. Natürlich hatte er keine einzige Fischereimetapher ausgelassen und auch nicht vergessen, alle paar Sätze zu erwähnen, dass er ohne ihre Hilfe niemals so weit gekommen wäre undsoweiter. Dabei hatten ein langer Blick und ein kurzer Kuss schon gereicht und Rina war natürlich mitgekommen – obwohl sie es schon kaum aushalten kann, wenn sie Hennings Eltern besuchen und vor Sonnenaufgang Krabbenbrötchen auf dem Fischmarkt frühstücken müssen.

Nun schiebt sie sich dicht ans Fenster, sodass ihre Nasenspitze das Glas fast berührt und ihr Atem beginnt an der Scheibe zu kleinen Eisgebilden zu verwachsen. Sie versucht, das Bullauge auszumachen, hinter dem Henning sitzt. Reihe 19, Sitzplatz F. Doch sie sieht ihn nirgends, auch das wiederholte Abzählen der Fenster bringt nichts. Da sind, obwohl doch kaum einhundert Meter entfernt, nur viele kleine helle Kreise zu erkennen und auch wenn man ihr beteuert hat, dass die Maschine wirklich, WIRKLICH überbucht und nur noch Platz für einen von ihnen gewesen sei; in diesem Moment kann sie keinen einzigen Passagier sehen. Gerade so, als würde jeden Moment ein völlig leeres Flugzeug in den Himmel steigen. Rinas Augen brennen, aber sie starrt angestrengt weiter und versucht verzweifelt, nicht zu blinzeln.
Als die Maschine Schub gibt, erlöschen die Fensterkreise. Nur die Lichtkegel der Scheinwerfer schweben geisterhaft immer weiter das Rollfeld entlang, das Flugzeug hinter ihnen wird beinahe unsichtbar. Die Räder lösen sich vom Boden, umwirbelt, aber unberührt vom Schneesturm. Dann lässt der Flieger das rote Haus hinter sich und steigt unwirklich schnell hinauf in das wilde Wettertreiben am Himmel. Rina sinkt resigniert in den eisigen Plastiksitz. Ihr Blick wandert hinunter in den Becher Automatenkaffee zwischen ihren Händen, an dem sie sich festhält, weil ihr die Handschuhe fehlen.


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© Miku Sophie Kühmel

ZUR AUTORIN: 

Miku Sophie Kühmel ist 1992 in Gotha geboren und aufgewachsen. Schon im Vorschulalter beglückte sie ihre pubertierenden Schwestern gern sonntagmorgens mit der Ankündigung: „Ich erzähl‘ euch jetzt eine Geschichte! Ist auch nicht schlimm, wenn ihr wieder einschlaft, ich erzähl’ trotzdem weiter.“ An der Humboldt-Universität zu Berlin und der New York University studierte sie von 2010 bis 2017 Literatur, unter anderem bei Roger Willemsen und Daniel Kehlmann. Sie ist als Autorin und Podcast-Produzentin rund um das gesprochene und geschriebene Wort tätig. Seit 2013 erscheint ihre Kurzprosa regelmäßig in Zeitschriften und Anthologien. Nach Fellwechsel arbeitet sie derzeit an ihrem zweiten Romanprojekt.


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