Literatur

BLOGBUSTER 2018 Longlist

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Keine leichte Entscheidung

Auch für mich ist eine Entscheidung für ein Longlist-Manuskript gefallen. Dreizehn Manuskripte wurden für textmagazin eingereicht. Drei habe ich angefordert und mich dann schließlich doch für ein Manuskript aus dem Blogger*innen Pool entschieden. Es war keine leichte Entscheidung und zeitweise dachte ich, dass ich kein Manuskript für die Longlist nominieren werde. Warum? Auch ich hatte folgendes im Hinterkopf: Nur ein halbes Jahr hat das Preis-Manuskript, um in gedruckter Form vorzuliegen und im Kein&Aber-Programm zu erscheinen. Das ist wenig. Im Sinn hatte ich deswegen ein Manuskript, das bestenfalls nur ein Feinlektorat braucht, das sprachlich, inhaltlich und dramaturgisch schon solch eine Qualität aufweist, dass es ein Leichtes sein würde, es in einem halben Jahr druckfertig zu bekommen. Danach habe ich gesucht und gelesen und dann schließlich realisiert, dass ich entweder kein Manuskript nominiere, oder ich mich von dieser Feinlektorats-Geschichte verabschieden muss und meine Fragestellung ändern muss: In welchem Manuskript sehe ich Potential? Welches Manuskript kann ich mir NACH einem Lektorat als gedruckten Roman vorstellen?
Entschieden habe ich mich für Fellwechsel von Miku Sophie Kühmel. Allen Autoren und Autorinnen, die mir ihr Manuskript oder die Leseprobe anvertraut haben, möchte ich ganz herzlich danken! Ich habe die Texte mit großem Interesse gelesen.


Fellwechsel. Worum geht’s?

Ísafjörður in Nordisland. Hier findet jedes Frühjahr die größte internationale Messe für Salzwasserfischfang statt. Ein kleines Fischerdorf, das einmal im Jahr von Menschenmassen überlaufen wird: Fischer, Großhändler, Konservenproduzenten. In diesem Frühjahr sind auch Rina und Henning dabei. Rina und Henning, die sich im Studium kennen gelernt haben, die seit dem alles zusammen machen. Sie könnten zusammen in das Fischereiunternehmen seiner Eltern einsteigen, findet Henning. Die Messe in Ísafjörður, ein erster Schritt. Die Reise zurück nach Deutschland gestaltet sich schwierig. Nur noch ein letzter, völlig überbuchter Flug startet, bevor am Wochenende Stürme und Unwetter das Reisen unmöglich machen. Rina bekommt einen Platz. Henning nicht. Doch Henning hat Termine, MUSS zurück. Reihe 19, Sitzplatz F, das wäre Rinas Platz, doch sie tritt ihn ab, an Henning, kehrt zurück in die Ferienwohnung, in der sie während der Messe gewohnt haben. Man könnte, sagt Wolff, der Vermieter der Ferienwohnung, noch den Anschlussflug in Reykjavík erreichen, so sei Rina schneller zurück in Deutschland. Wolff ist Taxifahrer. Rina und er machen sich auf den Weg über die Insel. Sie sind schon über einen Tag unterwegs, als Wolff sich komisch verhält. Nun erfährt auch Rina die Nachricht: Das Flugzeug ist abgestürzt. Keine Überlebenden.


Begründung, Lob und Baustellen

Was mir an Fellwechsel gut gefällt und warum ich mich dafür entschieden habe es als Longlist-Manuskript zu nominieren, ist die Sprache, die Grundgeschichte und das Setting. Miku Sophie Kühmel erzählt in einer bildhaften und zugleich deskriptiven Sprache, fängt mit diesem Ton Atmosphäre und Umgebung eines Ortes ein, von dem mir vieles unbekannt ist: Nordisland, das kleine Fischerdorf, der schwarze Strand. Doch so interessant, so anziehend diese Umgebung auch wirken mag, hier ist es keine Urlaubsreise, die Rina unternimmt. Zuerst ist es noch der Versucht, die Insel so schnell wie möglich zu verlassen. Die Nachricht des Flugzeugabsturzes jedoch ändert etwas in Rina: Denn Zurückfliegen, würde ein Anerkennen der Realität bedeutet.
Für mich ging es in Fellwechsel um eine erste Trauerphase: Den Schockzustand. Zugleich wirft das Manuskript aber auch die Frage nach dem Schicksalhaften auf. Hätte Rina ihren Platz nicht an Henning abgetreten, hätte sie in diesem Flugzeug gesessen. Hätte Henning nicht diesen Termin gehabt, hätten sie den Rückflug vielleicht gemeinsam angetreten – nach dem Wochenende, nach dem Sturm. Die Reise über die Insel, die Autofahrt funktioniert für Rina vielleicht als die einzig mögliche Tätigkeit in dieser Situation. Ein Innehalten wäre zu schmerzhaft.
Baustellen in Fellwechsel sind meiner Meinung nach in erster Linie inhaltlicher Art. Denn die Geschichte nimmt ab der Mitte Ausfluchten: Da erfährt man von dem Tod von Wolffs Sohn, Rina ist ungeplant schwanger und Rinas traumatische Kindheit wird angeschnitten. Diese Masse an unerwarteten dramatischen Wendungen wird mir als Leserin so abrupt aufgeboten, dass ich sie dem Text nicht mehr abnehmen kann und sie mich nicht mehr berührt. Diese Wendungen und Nebenerzählstränge überladen die 121 Seiten-Erzählung und lassen für mich die Grundgeschichte zerfasern. Was Fellwechsel meiner Meinung nach braucht, ist eine Stärkung des roten Fadens, der gelungenen Grundgeschichte dieses Manuskripts. Denn diese, davon bin ich überzeugt und darum habe ich mich für Fellwechsel entschieden, trägt und berührt.


Eine Leseprobe aus Fellwechsel und ein Interview mit der Autorin wird in nächster Zeit auf textmagazin erscheinen.

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Ein Kommentar zu “BLOGBUSTER 2018 Longlist

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