Literatur

NICHTS, WAS UNS PASSIERT Bettina Wilpert

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Anna und Jonas lernen sich in Leipzig kennen, vor der Bibliothek, im Mai. Anna sitzt mit Hannes, ihrem ehemaligen Mitbewohner, auf den Stufen der Albertina und raucht. Jonas kommt dazu, kennt Hannes von einer Exkursion und Anna vom Sehen. Ob er sich eine Zigarette drehen dürfe, fragt Jonas und dann läuft alles irgendwie. Sie treffen sich wieder, sie unterhalten sich, unternehmen etwas zusammen. So erzählt es Anna.

Bildschirmfoto 2018-02-22 um 10.59.14Vielleicht lernen sie sich aber auch erst im Juni kennen. Ein Spiel der Fußball-WM, Deutschland-Portugal. Jonas will eigentlich an seiner Doktorarbeit schreiben, aber dann ruft Hannes an, sagt, dass sie das Spiel ansehen würden, im Biergarten in Connewitz. Da setzt sich Jonas auf sein Fahrrad und fährt hin. Anna beschwert sich an diesem Abend über alles mögliche. Das gefällt ihm. Da hat das angefangen, dass sie miteinander diskutieren. Ein paar Tage später treffen sie sich wieder, zufällig. Das sagt Jonas.

So harmlos die unterschiedlichen Versionen hier noch klingen, desto ernster, desto schwerwiegender werden sie im Laufe der Erzählung: Eine Gartenparty, alle trinken zu viel. Auch Anna und Jonas. Da gibt es Lücken in Annas Erinnerung, schwarze Stellen, zwischen denen eine klare Erinnerung steht: Sie wurde vergewaltigt, von Jonas. Dass es einvernehmlich war, sagt Jonas. Sie seien betrunken gewesen. Anna habe es nicht mehr nach Hause geschafft. Sie habe es auch gewollt.

Bildschirmfoto 2018-02-22 um 11.01.28Es dauert zwei Monate. Dann zeigt Anna Jonas an. Aussage steht gegen Aussage. In der Uni, in Jonas und Annas Freundes- und Bekanntenkreisen macht das Thema langsam die Runde.
„Nichts, was uns passiert“ ist das Zeugnis vieler Stimmen. Jonas erzählt seine Version, Anna erzählt ihre. Ihr gemeinsamer Freund Hannes erinnert sich, ebenso Verena, Annas Mitbewohnerin, Daria, Annas Schwester und Lisa, Jonas Exfreundin…Bildschirmfoto 2018-02-22 um 11.12.07

Diese Erzählsituation hätte Bettina Wilpert nicht besser wählen können, so nah, so nachvollziehbar klingt, was die unterschiedlichen Erzählstimmen uns schildern. Man wird in keine Richtung gedrängt, wohl aber zum Nachdenken gebracht. Wie geht unsere Gesellschaft und das Rechtssystem mit sexueller Gewalt und Anschuldigungen sexueller Gewalt um? Ab wann spricht man von Vergewaltigung, von Opfer, von Täter? Wem schenkt man Gehör?

Was Bettina Wilpert gelingt, ist ein höchst gesellschaftsrelevantes Thema zu beleuchten, ohne zu werten. Das macht „Nichts, was uns passiert“ zu einem Diskursbeitrag, genauso aber zu einem überaus gelungenen Debütroman. Denn sprachlich sitzt hier jedes Wort und dennoch schwirrt nach dem Lesen der Kopf.


Nichts, was uns passiert. Bettina Wilpert, 167 Seiten, erschien im Februar 2018 im Verbrecher Verlag. Zum Buch auf der Verlagswebsite und einer Leseprobe gelangt man Hier.
Vielen Dank an den Verbrecher Verlag für das Leseexemplar!

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