Literatur

SCHWIMMEN Sina Pousset

fullsizerender-20-e1509529642466.jpgosakaAquarium-4Milla findet einen Zettel in ihrer Jackentasche, von Jan. Es ist sein alter Mantel, den sie trägt. Etwas, das von Jan geblieben ist. Dieser Einkaufszettel, dieses Stück Papier, erreicht sie so unverhofft. Gerade hat sie die kleine Emma in den Kindergarten gebracht, ist auf dem Weg zur Arbeit, hält mit ihrem Fahrrad mitten auf der Hauptstraße. Und mit diesem kleinen Moment, mit diesem Papier in Millas Händen, beginnt etwas in Milla, ein Erinnern, ein kleiner Aufbruch. An ihrem Schreibtisch zieht Milla zum ersten Mal seit Langem wieder Jans Tagebücher hervor, die sie unter einem hohen Stapel Manuskripten vergraben hatte. Jans Tagebücher, an die sie sich nicht rantraut, weil sie zu einer Vergangenheit gehören, der sie sich nicht zu nähern wagt.
In dieser Vergangenheit, in der es Emma noch nicht gab, aber Jan und Milla schon, sie beide und das Haus am Meer. Nonnas Haus, in dem sie die Sommer verbracht haben. Irgendwann war da auch Kristina, ein Fremdkörper zuerst, zwischen ihr und Jan, einem eingespielten Team, zwischen Kindheitsfreunden. Kristina, die auch Milla nach und nach vertrauter wurde. Und dann sie zu dritt, in Nonnas Haus. Sie zu dritt am Küchentisch, mit dem geblümten Teegeschirr, zu dritt im großen Bett im Obergeschoss. Ein Morgen, Milla in Jans Hemd und Kristina neben ihr. Und Jan nicht im Bett, nicht in der Küche…

fullsizerender-21-e1509530056971.jpgMit „Schwimmen“ taucht man in die Tiefe. Man hat dieses Unterwassergefühl, alles ist irgendwie gedämpft, still und konzentriert.
Sina Pousset erzählt in vielen Bildern, in kleinen und größeren Beobachtungen. Der Verkehr auf der Straße, das Geschirr, eine Einfahrt, der dampfende Tee, das alles wird genau und mit einer solchen Hinwendung beschrieben, dass man Milla mit einem sehr aufmerksamen Blick durch Alltag und Erlebtes folgt. Diese Hinwendung macht einen besonderen Reiz an „Schwimmen“ aus.

Die Teetasse ist nicht nur die Teetasse, sondern diese, eben jene Teetasse. Ein Blick ist nicht nur ein Blick, sondern eben jener Blick. Das Haus am Meer, nicht irgend ein Haus am Meer, sondern dieses besondere Haus am Meer. Dass Sina Pousset erzählen kann, steht außer Frage. Sie beschreibt geradezu kunstvoll, webt aus Alltag und Bildern immer wieder dieses feine, ruhige, melancholische Geflecht. Alles wiegt schwer.
osakaAquarium-3Diese Schwere legt sich über die ganze Erzählung. Und so schön, so passend, so wunderbar bildhaft und melancholisch diese Stimme ist, spätestens nach der Hälfte des Buches sehnt man sich nach einem Ausbruch, mal aufzutauchen, für einen Moment, sich freizustrampeln aus diesem Geflecht. Einmal Luft zu holen, um dann wieder untertauchen zu können. Doch das passiert nicht. Stattdessen erlebt man alles, die Gegenwart und die Vergangenheit mit Druck in den Ohren, unter Wasser. Alles kommt in dieser Melancholie und alles bleibt in dieser Melancholie. Alles wird weggetrieben und alles wird wieder angespült. Ein ewiger Kreislauf.

 


Schwimmen von Sina Pousset, 224 Seiten, erschien im September 2017 bei Ullstein fünf. Über ihr Buch spricht Sina Pousset hierSchwimmen ist ihr Debütroman.

Vielen Dank an Ullstein fünf für das Leseexemplar!

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2 Kommentare zu “SCHWIMMEN Sina Pousset

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