Literatur

AUERHAUS Bov Bjerg

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Bildschirmfoto 2017-08-20 um 10.52.40Ich lese Auerhaus in einem Zimmer in den Bergen. An einem Gewittertag. Draußen geht die Welt unter. Die Wolken hängen überhalb und unterhalb von uns. Hier in den Bergen klingt der Donner mächtiger, so, als ob aus allen Himmelsrichtungen Felsbrocken ins Tal stürzen würden. Er hallt von allen Seiten her wieder, bis er immer leiser wird, sich verliert. Dann geht alles von vorne los.

Auf dem Hof hat sich ein Bach gebildet. Das Wasser fließt von der Weide in die Tränke und schwappt daraus direkt auf den Hof, fließt in einem Rinnsal in Richtung der Kuhställe. Heute früh gab es noch ein paar Sonnenstunden, die wir für einen kleinen Spaziergang genutzt haben. Bis zu den Forellenteichen, dann sind wir umgekehrt. Seitdem liege ich auf dem Bett, eine Tasse Kaffee neben mir und in den Händen dieses orangene Buch mit der Gewitterwolke auf dem Cover.

Man muss der Geschichte schon einiges abnehmen, zum Beispiel dass Vera, Frieder, Cäcilia und Höppner zusammen in eine WG ziehen dürfen, obwohl sie noch nicht volljährig sind. Dass sie das nur erlaubt bekommen, damit sie Frieder vor dem Selbstmord bewahren. Dass es ihre Eltern scheinbar nicht kümmert, ob sie etwas zu essen haben und sie deswegen ihr Essen klauen gehen. Aber das geht alles klar.

Wenn man aus unserem Fenster schaut, sieht man den schlafende Riesen. Die Bergspitze – die Nase, darunter geschlossene Lippen, der Grat verläuft gewölbt – ein Bauch. Aber heute liegt auch er im milchigen Nebel, schaut nur ein bisschen Bauch über der Wolkendecke hervor.
In Auerhaus, geht es um das Abi, Freundschaft und auch ein bisschen um Beziehung und Eifersucht. Eigentlich ist es auch ein Nachdenken über den (Frei-)Tod und über Depression. Aber das alles liegt so fein, so subtil unter der Geschichte, dass diese trotzdem nicht schwer und bedrückend wird. Dass sie den Anschein hat, von so einem Gewittertag: Ein bisschen trüb und düster, ein bisschen melancholisch, aber dabei trotzdem kuschelig und gemütlich. Wie Winter eben. Wie Weihnachten – das feiert Höppner bei seiner Familie. An einem Ort, den er zwar noch ‚zuhause‘ nennt, der für ihn aber nicht mehr ‚zuhause‘ ist,  seit es das Auerhaus gibt.
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Ich greife die Kaffeetasse. Von draußen hört man die Glocken der Kühe, die die Weide hinab getrieben werden. Es ist ein bisschen lichter geworden. Der schlafende Riese streckt nun freundlich seine Nasenspitze in die Wolken.

Und während ich so rausschaue und draußen die Glocken der Kühe höre, kann ich Höppner richtig gut verstehen. Dass es da diesen Ort gibt, den man ‚zuhause‘ nennt, aber eher für sich selbst. Der, von außen betrachtet, nicht das ‚richtige zuhause‘ ist, obwohl er sich viel richtiger anfühlt.


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Auerhaus von Bov Bjerg, 240 Seiten, erschien 2015 in der Erstauflage im Aufbau Verlag. Bov Bjerg studierte unter anderem am Literaturinstitut in Leipzig. Auerhaus ist nach Deadline sein zweiter Roman. 2016 erschien, ebenfalls im Aufbau Verlag, der Erzählband Die Modernisierung meiner Mutter.


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