Literatur

SO LANGE HER, SCHON GAR NICHT MEHR WAHR Franziska Gerstenberg

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Acht Erzählungen enthält Franziska Gerstenbergs Erzählband „So lange her, schon gar nicht mehr wahr“. Die Kurzgeschichten sind mal trauriger mal heiterer. In allen geht es um das Verlieren. In den Erzählungen trifft man auf Personen, die einem als Leser über diese durchschnittlich dreißig Seiten hinweg so nahbar und plastisch erscheinen, als würde man mit jeder Erzählung für ein paar Tage in eine Welt hineinstolpern, anwesend sein, obwohl man gar nicht anwesend sein dürfte.
Denn obwohl das, was erzählt wird, alltäglich ist, obwohl man den Figuren auf den Bau oder zum Friseur folgt, mit ihnen in Wohnzimmern und Küchen sitzt, Post öffnet oder frühstückt, kommt man so nahe an diese Figuren heran, dass es sich schon fast zu intim anfühlt.
Man leidet mit Mick, weil Inga Schluss macht, obwohl er sich alle Mühe gibt, weil er nun bei Harald auf der Eckbank schlafen muss und da eigentlich gar keinen Schlaf bekommt. Und ohne dass Mick das sagt, breitet sich in einem diese Hoffnungslosigkeit aus, diese Auswegslosigkeit. 

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Wenn man dann solche Sätze liest, dann hat man das Gefühl Mick genau zu verstehen, dieses Gefühl zu kennen, ein bisschen mit ihm darin zu versinken und man denkt: Ach Mick, das wird schon wieder. Und gleichzeitig fällt es einem so unglaublich schwer daran zu glauben, denn diese Hoffnungslosigkeit, die macht weder vor Mick, noch vor einem selber Halt.

Bildschirmfoto 2017-07-25 um 16.21.32In einer anderen Geschichte lernt man Adrian und seinen Papa kennen, deren Leben anders geworden ist, durcheinander und stiller, seit Adrians Mama gestorben ist. Adrian spricht kaum mehr. Sein Vater schweigt auch lieber. Aber alle um sie her sprechen: Die Kindergärtnerin, die Therapeutin, Adrians Oma. Alle scheinen etwas zu sagen zu haben und Bescheid zu wissen. Nur Adrian und sein Vater wissen nichts zu sagen, irren durch die Tage. Dass er kein guter Vater ist, denkt der Ich-Erzähler. Dass er nie ein Vater sein wollte, dass er nur ein guter Vater war, so lange Sandra da war, weil Sandra die beste Mutter war.

Adrian zuzudecken, ihn anzuziehen. Mit Adrian spazieren zu gehen und ihn zu fragen wie es dem Teddy geht und danach wie es ihm geht – man spürt zwischen jeder Zeile wie viel Kraft es den Ich-Erzähler kostet, diese kleinen Dinge zu tun. Man spürt, wie tief diese Trauer reicht, nicht nur bei Adrian, sondern auch bei ihm. Auch wenn er von dieser Trauer nicht spricht, in keinem Satz.

Obwohl die Figuren in Franziska Gerstenbergs Erzählungen sich nicht auserklären, obwohl sie ihre Gefühle, ihre Situationen nicht oder kaum reflektieren, schafft die Autorin es, einen als Leser an Gefühlen ihrer Figuren teilhaben zu lassen. Es sind teils Sätze die fallen, kleine Details oder Gedankengänge, die einen an Mick, Adrian und viele andere Figuren so nahe heranbringen. Man denkt, sie zu kennen, oder zumindest sie auf den letzten Seiten ziemlich schnell und ziemlich gut kennen gelernt zu haben.


So lange her, schon gar nicht mehr wahr von Franziska Gerstenberg, 240 Seiten, erschien 2016 bei Schöffling & Co. So lange her, schon gar nicht mehr wahr ist Franziska Gerstenbergs dritter Kurzprosaband. 2007 erschien Solche Geschenke und 2005 Wie viel Vögel, ebenfalls bei Schöffling & Co. (Auch zwei ganz tolle und lesenswerte Erzählbände!). Neben den Erzählbänden veröffentlichte Franziska Gerstenberg 2012 den Roman Spiel mit ihr.


 

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