Literatur

Das Rauschen in unseren Köpfen: Svenja Gräfen

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Hendrik und Lene treffen aufeinander, in der U-Bahn. Es ist eher ein Zufall, ein Übereinanderstolpern. „Hier schließt sich der Kreis“, sagt Lene und bereut es sofort. Hendrik kommt mit Lene nach Hause, einfach so, als ob das normal wäre. Sie sitzen auf dem Balkon, stundenlang, als ob das normal wäre und dann schlafen sie nebeneinander ein. Hendrik neben Lene und sie findet, dass Hendrik nach Sonne und Wasser riecht „und ganz leicht, ganz unbestimmt auch nach Zuhause“.
Zuhause. Das waren früher ihre Freundin Hanna und ihr Bruder Jaro. Sie haben immer zu dritt rumgehangen, obwohl Jaro ein Jahr älter war, ein Jahr früher Abi gemacht hat. Seit Hanna und Jaro ein Paar sind hakt Lene sich nicht mehr gerne zwischen ihnen ein. Es ist nicht viel, was anders gelaufen ist als gedacht. Es war doch immer alles so geplant: Sie und Hanna nach dem Abi in einer Altbauwohnung im Zentrum. Sie studieren. Am Wochenende sitzen sie bei Lenes Eltern am Esstisch. Lenes Vater, der ein neues Rezept ausprobiert und Hanna gehört dazu, zur Familie, wie immer. Was nicht geplant war, ist die Liebe zwischen Jaro und Hanna. Dass Jaro morgens in der Altbauwohnung am Frühstückstisch sitzt und mit Lene spricht als wären sie Bekannte und nicht Geschwister. Dass nicht mehr Lene es ist, der Jaro alles zuerst anvertraut. Dass es ein Bemühen von Hanna und Jaro ist Lene mit einzubeziehen.
Mit Hendrik stürzt Lene in einen Rausch, in eine Stimmung von Glückseligkeit. Das Leben ist schön, sie hat etwas gefunden, vermutlich genau das, was sie gesucht hat. In ihr war eine Lücke und Hendrik passt hinein, wie ein Puzzleteil. Nachts halten sie aneinander fest, so als ob sie sich verlieren könnten. Die Beiden verlassen die Wohnung kaum, fallen in eine Parallelwelt. Sie sind sich genug, wollen nichts anderes.


Bildschirmfoto 2017-06-16 um 19.07.10Trotz aller Glückseligkeit, trotz aller   Selbstverständlichkeit schleicht sich beim Lesen ein ungutes Gefühl ein. Vielleicht ist etwas an dieser Konstellation zu eng, zu gut, zu drängend. Nicht Hendrik ist es, sondern Iris, eine Arbeitskollegin, die etwas anspricht: „Wir wissen alle gar nicht, wie sein Leben vorher ausgesehen hat. Er sagt nichts. Bis auf diesen einen Namen (…) Klara,glaub ich“ Dass es Klara gab, Klara gibt, das war Lene bis dahin nicht bewusst. Auch nicht, dass da noch etwas in Hendrik arbeitet. Dass es da eine Vergangenheit gibt, die zu Hendrik gehört, obwohl er nicht darüber spricht, obwohl er nicht will, dass sie zu ihm gehört. Es ist nicht alles okay. Ganz langsam entfaltet sich ein Bild, Stück für Stück und diese Puzzleteile passen nicht mehr, die fügen sich nicht ein. 

Svenja Gräfen erzählt in ihrem Debütroman mit so viel Unaufdringlichkeit und Feingefühl eine sehr denkbare, gegenwärtige Geschichte. Es ist diese Denkbarkeit und diese Gegenwärtigkeit, die einen mitreißt, die einen mit Lene und Hendrik in einen Rausch stürzen lässt, in dem sich alles dreht und tobt und tost. In dem man mit Lene und Hendrik ans Meer fährt und ins Gewitter gerät, klamm unter der Decke liegt und Hendriks Stimme hört, wie er vom Heiraten spricht. Und in dem man dann Tage später Hendrik sieht, wie er immer leiser wird und undeutlich und Hendrik schweigt und man muss an dieses Zitat aus Blue Blood von den Foals denken, das vor dem Prolog steht: „Of all the people, I hoped it’d be you to come and free me, take me away, show me my home (…)“ Und man denkt über diese Worte nach: Frei sein. Zuhause.




Das Rauschen in unseren Köpfen
von Svenja Gräfen, 240 Seiten, erschien im April 2017 bei Ulstein fünf. Das Rauschen in unseren Köpfen ist ihr Debütroman. 

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!


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