Literatur

GEFÄHRLICHE ARTEN Svealena Kutschke

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Der Titel, der in fetten giftgrünen Lettern auf dem Buchcover von Svealena Kutschkes zweitem Roman prangt, verheißt nichts Gutes: Gefährliche Arten. Unter dem Titel wurde eine schwarzweiß Fotografie abgedruckt: Der Kopf eines Rehs, einfoliert in glänzendes Zellophanpapier. Man fragt sich, ob unter dieser knisternden Oberfläche noch Leben steckt.
Das Tierbild lässt weniger an Wildparks oder Naturkundemuseen denken, umso mehr aber an irgendwas zwischen Supermarktfleisch und Geschenkverpackung. Vielleicht denkt man auch an Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegte Hai oder Kuhkadaver. Denn, wie Hirsts Tiere hinter Glas erweckt das Reh unter Zellophanpapier den Eindruck von etwas Stillem unter der Oberfläche, etwas Lebendigem, das auszubrechen droht. Alleine der Anblick erzeugt ein knisterndes Störgeräusch, das von Konflikten und Brüchen spricht. Denn was, wenn zu viel Luft ins Innere geatmet wird? Sich zu viel Druck aufbaut, das raschelnde Zellophanpapier unter einem lauten Knall zerplatzt?

Bildschirmfoto 2017-05-30 um 22.33.51Aus Dingen, die im Leben von Sasha, Protagonistin des Romans, zu zerplatzen drohen, entwickelt sie Kunstprojekte: Almost an orphan nennt sie eine Fotoreihe, in der sie die entsetzten Blicke von Fremden und Freunden festhält, nachdem sie ihnen auf einer Party, in der Bahn oder beim Einkaufen von den neusten Selbstmordversuchen ihrer Mutter erzählt. Immer waghalsiger und brutaler wird Sashas Kunst und immer waghalsiger wird auch etwas zwischen Sasha und Jannis. Jannis, den sie während eines Stipendien-Programms kennen lernt, der Theaterstücke schreibt, chorische, die er dann mit seiner Freundin Sophia durchspricht. Sophia, die aber oft so tut, als sei sie mit einem anderen – mit Timm, zusammen.
Eine Zeit lang leben zumindest Sophia und Jannis auch in Beziehungen außerhalb ihrer Beziehung: Neben Jannis und Sophia gibt es noch Jannis und Sasha und Sophia und Tim. Zumindest so lange, bis Sasha schwanger wird, bis Jannis das Kind will, bis Jannis Sophia verlässt, bis Tim und Sophia in die Wohnung unter ihnen ziehen. Bis Sashas Tochter Lizzy lieber bei Sophia ist als bei ihr.

Eigentlich ist alles an dieser Erzählung wie ein Hochseilakt. Ständig ist dieses Gefühl da: Dass etwas zu kippen droht, dass das nicht lange gut gehen kann, dass das Zellophanpapier mit einem Lauten Knall zerplatzen wird.


Gefährliche Arten von Svealena Kutschke, 189 Seiten, erschien 2013 im Eichborn Verlag.  Nach Etwas Kleines gut versiegelt (2009) ist Gefährliche Arten ihr zweiter Roman. Im August 2017 wird ihr neuer Roman Stadt aus Rauch (672 Seiten) ebenfalls im Eichborn Verlag erscheinen.


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