Theater

AMERIKA am Schauspiel Hannover

AMERIKA am Schauspiel Hannover

1484736908_amerika-2208.jpg© Isabel Machado Rios

Das, was am Thalia Theater 2009 von Bastian Kraft als Solo mit Philipp Hochmair inszeniert wurde, wird diese Spielzeit in Hannover unter der Regie von Claudia Bauer als ein ein chorisches, vielschichtiges Bühnengeschehen präsentiert.

Die Amerika-Inszenierung am Schauspiel Hannover ist einerseits ganz klassisch und andererseits ganz postdramatisch. Da laufen Techniker und Kameramänner über die Bühne, da werden Live-Video-Mitschnitte gezeigt. Aber das alles bei ganz klarer Rollenaufteilung, bei einer mehr oder weniger stringenten Erzählung (das ‚weniger‘ ist wohl eher Kafkas Textgrundlage geschuldet, als der inszenatorischen Umsetzung). Es tauchen immer wieder Personengruppen auf: Der junge Mann, dem Karl gleich in der ersten Szene auf dem Schiff begegnet und ihm seinen Koffer anvertraut, wird als schillerndes, quasselndes Grüppchen dargestellt. Die Liftboys, die Theaterengel aus Oklahoma, alle treten sie als entindividualisierte Scharen auf. So viel Grüppchendynamiken, so viel Gleichstimmigkeit und Geschnatter, das lässt an Chor denken, an die griechische Tragödie oder an Jelinek.

Als Zuschauer folgt man Karl Roßmann, einem unwillentlich zum Vater gewordenen und anschließend von seinen Eltern verstoßenen Jugendlichen, durch dieses vielschichtige und quasseliege Geschehen. Karl, der nach Amerika verschifft wird, hineingerät in die Leiden eines Heizers, zu seinem amerikanischen, umarmenden Entertainer-Onkel findet, von da verstoßen wird, Jobs zugespielt bekommt und wieder verliert und schließlich im heiligen Theater zu Oklahoma landet. An der surrealistischen Umsetzung im Schauspiel Hannover hätte Kafka bestimmt seine Freude gehabt, als Zuschauer hat man sie auch. Nach einem eher mühsamen Anfang (Schattenspiele en masse und dann noch das ewig lange Geschnatter des Schiffsbesuchergrüppchens) folgen zahlreiche unterhaltsame Szene wie beispielsweise das anmoderierte Aufeinandertreffen von Karl und seinem jedes Amerika-Klischee erfüllende Onkel oder der schauerliche Besuch bei Mr. Pullunder, bei dem es einen Toaststapel mit literweise Ketchup zum Dinner gibt.

1484737040_amerika-9273.jpg   © Isabel Machado Rios

Das Stück endet, wie auch das unter Max Brod herausgegebene Romanfragment, mit einer Szene, die auf das Theater verweist*: Das Theater zu Oklahoma, das jeden gebrauchen kann, das jeden mit offenen Armen aufnimmt. Ein Ort, der so heilig und mystisch daher kommt, dass es da bestimmt funktionieren muss mit der Katharsis, mit dem Jammern und Schaudern, mit der Seelenreinigung. Der Kreis schließt sich also damit, dass Karl im Theater ins Theater eintritt. Schöne Metaebene.

*Ob diese Endszene wirklich Kafkas Amerika zugeordnet werden kann ist unklar. Fertiggestellt wurde Amerika nicht. Max Brod fügte den Text des achten Kapitels, den er in Kafkas Nachlass entdeckte, dem Romanfragment als ein Ende hinzu. Unklarheiten, die er dafür in Kauf nahm, wie etwa, dass in dieser letzten Szene eine Person namens Fanny auftaucht, eine alte Freundin von Karl, die aber vorher nie erwähnt wurde, werden für die Inszenierung in Hannover zurecht gebogen: Fanny wird zu Therese und die Story wird runder.

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