Theater

BIS HIERHER LIEF’S NOCH GANZ GUT am Staatstheater Hannover

1479045994_bis_hierher_043.jpg© Katrin Ribbe

Bis hierher lief’s noch ganz gut“, denkt man sich, nach der ersten Szene des von Ulrike Günther entwickelten Rechercheprojekts. In ihr sind Jonas Steglich und Maximilian Grünewald als Jonas und Max unterwegs. Die beiden Schauspieler stehen vor den Mikrofonen am Bühnenrand und erzählen von ihrer Expedition in den Canarisweg, eine Brennpunktstraßen in Hannover. Sie haben vorher Material gesammelt, Fragen ausgewertet, sich ein Bild von den heutigen Jugendlichen gemacht, Feldforschung sozusagen. Entsprechend gut gewappnet sind sie nun auch unterwegs: Jogginghosen und weiße Tennissocken, weiße Sneaker natürlich und Kappen auf dem Kopf. Treffen sie auf Menschen, egal ob alt oder jung, schreien sie ihnen Sprüche wie: „Jo Digga was geht!“ entgegen. Noch bevor sie ihr Ziel erreichen, fällt Max bereits das erste mal vor Schreck in Ohnmacht. Aber, so erfährt man im Laufe der Szene, das gibt sich bei ihm ziemlich schnell wieder. Mal ist es ein Schlag ins Gesicht, mal ein Tritt ins Gesicht, mit dem ihn sein Kollege Jonas zurück in die Wirklichkeit befördert.

Am Brennpunkt angekommen trauen Max und Jonas ihren Augen kaum: Alles sieht so friedlich aus. Kinder spielen im Sandkasten, Mütter trinken Kaffee auf dem Balkon, die Sonne scheint. Schnell stellt sich dies jedoch als eine Illusion heraus. Die Kinder wollen sie fressen, vampierähnliche Mütter fliegen in Tschadors, von den Balkonen. Max und Jonas wollen fliehen, doch ein Reiter auf einem schwarzen Pferd versperrt ihnen mit geschwenkter ISIS Flagge, den Weg.

Dem Stück gelingt hier eine problembeladene, meist verkrampft diskutierte Thematik, mit Humor zu vermitteln, ohne sie ins Lächerliche zu ziehen. Denn auch wenn Max und Jonas trotz akribischer Forschungsarbeit in ihren phantastisch übersteigerten Ängsten enden, bleiben sie Sympathieträger und ihr Anliegen als solches nachvollziehbar. Die Szene lenkt den Fokus auf den Umgang mit der Thematik und nicht auf die Thematik als solche und ermöglicht so ein Nachdenken über die Frage, wie man sich einem Thema wie Jugendkriminalität überhaupt nähern kann.

Diese Stärke kommt dem Stück leider im weiteren Verlauf abhanden. Gleich die nächste Szene wirkt plakativ. Ein Polizeiverhör in dem der jugendliche Befragte mit ohrenbetäubender Schlagermusik und blendendem Licht drangsaliert wird. Es folgen verschiedene Szenen, die die Stimmen der öffentlichen Diskussion zum Thema abdecken: Eine verzweifelte und haltlos überforderte Lehrerin oder ein Sozialarbeiter, der sich ebenso über das Viertel definiert wie die Jugendlichen.

1479046103_bis_hierher_105.jpg                                                                    © Katrin Ribbe

Verwendet werden Passagen aus Interviews, die in Hannover geführt wurden. Von der Bühne hört man nun Textpassagen, die man vor der Aufführung dem Programmheft entnehmen konnte. Es wurde Material gesammelt, heißt es, von Sozialarbeitern, Lehrern und angeblich auch Jugendlichen. Es wird von vielen Seiten viel Theater um ein Thema gemacht, das einer Gruppe zugeschrieben wird, die im gesamten Stück leider nicht wirklich zu Wort kommt. Es geht um Kriminalität und Gewalt von Jugendlichen. Lehrer sprechen über Armut, Sozialarbeiter über Chancenlosigkeit und keine Jugendlichen sprechen über irgendwas. Das führt zu der Frage, wo das Stück sich eigentlich positionieren will. Ob es kritisieren will oder parodieren, oder ob es wirklich nur das Material zeigen, dem Zuschauer die Monologe und Dialoge in Kostümen und übers Mikrofon präsentieren will, ohne Stellung zu nehmen oder irgend eine Aussage zu treffen und ob man dann nicht genauso gut das Programmheft holen und der eigenen Nachrichtenlektüre hätte beifügen können. Die unterhaltsamen und zum Nachdenken anregenden Momente wie die erste Szene schaffen es leider nur kurzweilig, über die sonst konventionelle und einseitige Beleuchtung des Themas hinweg zu trösten.

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