Theater

WUT – Münchner Kammerspiele

Wut-1706-©-Thomas Aurin.jpg©Thomas Aurin

Elfriede Jelineks jüngster Theatertext besteht aus 120 Seiten Wut. Wut, in diversen Ausformungen: Terroristische Attentate, wie die auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, Dschihadisten- und Gotteskriegersprüche, Pegida und AfD, aber auch der amoklaufende Herakles, oder der Shitstorm in den Medien. Nicolas Stemann, der mit WUT bereits die neunte Uraufführung eines Jelinek-Textes auf die Bühne bringt, vermutet, es gehe „Jelinek um das Unfassbare dieser Taten, um das völlig Absurde. (…) Um die zerstörerische Dynamik von Wut.“* WUT beschäftige sich also keinesfalls nur mit den Anschlägen auf Charlie Hebdo, die für Jelinek der Auslöser waren, den Text zu schreiben. Zwar werden diese betrachtet und thematisiert, dazwischen taucht aber eine Vielzahl von anderen Wut-Äußerungen auf: Pegida- Anhänger, eifersüchtige Frauen, Internet-Hater usw.

Wut-1704-©-Thomas Aurin.jpg©Thomas Aurin

Dramatische Figuren oder eine feste Erzählerstimme gibt es in Jelineks Text „WUT“ nicht. Stattdessen werden alle Perspektiven eingenommen und eben so schnell auch wieder verworfen. Die Erzählerstimme wechselt in einem hohen Tempo zwischenen einem ‚ich‘ und einem ‚wir‘, bleibt dabei aber immer charakterlos und unverortbar. Ebenso diskursartig und lose bringt Nicolas Stemann den Jelinek-Text auch auf die Bühne. Stemann selbst tritt immer mal wieder als Moderator oder Musiker auf, malt auch mal mit einem langen Pinsel und roter Farbe Buchstaben über die Projektionsleinwände an den Seiten.

So ganz kann man dem Geschehen nicht durchgehend folgen, das sich vor einem abspielt. Bevor es mit dem eigentlichen Stück losgeht, tritt Nicolas Stemann an den Bühnenrand, erklärt dem Publikum, dass WUT ein ‚Work in Progress‘ sei. Es werde also auch nach der Premiere noch daran weitergearbeitet. Das Stück verändere sich und aktuell seien sie bei beinahe vier Stunden. Es wird dann auch fast vier Stunden durchgespielt. Die meiste Zeit mit offenen Türen, da es keine festgelegte Pause gibt. Die Leute können rausgehen, sich etwas zu Trinken holen – danach zurückkommen oder auch nicht.

Wut -1700-©-Thomas Aurin.jpg©Thomas Aurin

Es sind eher Bilder und Versatzstücke, die vom Inhalt dieses ‚Wut-Karnevals, wie Franz Wille Stemanns Inszenierung in seinem Artikel in der aktuellen Theater heute betitelt, hängen bleiben: Eine Götterparty, ähnlich einer Talkshowrunde, bei der Mohamed durch seine Abwesenheit glänzt; ein leuchtendes Smiley im Hintergrund, während sich Klagen über ein afrikanisches Massaker mit Jelinek-Einschüben abwechseln; drei Selbstmordattentäterinnen, die mit quietschiger Stimme und in mangaähnlichen Girlie-Outfits eine riesige, mit Sprenggürtel ausgestattete Katze, die von der Decke herabgelassen wird, in Empfang nehmen; der Schauspieler Franz Rogowski, der im Zuge des Shitstorm of Love in einem weißen Jesus-Gewand Blumen und Blumenkränze verteilt, mit ruhiger Stimme hinzufügt: „Ich kenne dein Gesicht“, oder: „Ich weiß wo dein Auto steht.“ Und schließlich gegen Ende der Aufruf auf die Bühne zu kommen; die Sicherheitsschleusen und die schwarze Leinwand, die die Leute im Zuschauerraum von den Leuten auf der Bühne separiert.

Es wird vielmehr ein Thema umkreist, als eine klare Handlung gezeigt. Das hat schon die Textgrundlage von Jelinek so an sich und wird auch in Stemanns Inszenierung nicht zurechtgebogen. Auf eine dramatische Fabel darf man sich also nicht einstellen, aber das dürfte bei Jelinek wohl auch außer Frage stehen.

WUT, wirft Fragen auf, eröffnet zahlreiche Diskurse, schließt keine Klammern und tut das, trotz aller Ernsthaftigkeit der Themen auf humorvolle und zugleich drastischer Art und Weise.

*Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg im Gespräch: Eine Portion Vernunft bitte! In : Programmheft zu WUT an den Münchner Kammerspielen, München 2015/2016, S.11

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