Theater

TERROR am Staatstheater Kassel

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Das Theaterstück TERROR ist seit letztem Oktober in zahlreichen deutschen Theatern zu sehen und hatte nun im April auch in Kassel Premiere. Patrick Schlösser bringt das Stück nüchtern und präzise auf die Bühne. Obwohl TERROR in Kassel nun schon zahlreiche Vorstellungen hinter sich hat, sind die Abende weiterhin ausverkauft. Das ist ungewöhnlich, für ein Stück im Schauspielhaus, in dem es über 500 Plätze gibt. Nicht nur daran merkt man, dass das Stück bewegt. Selten vernimmt man derart angeregte Gespräche und Diskussionen im Theater, wie im Foyer in der Pause von TERROR oder vor dem Schauspielhaus nach der Aufführung.
Verhandelt wird der Fall des Lars Koch. Nachdem ein Terrorist eine Passagiermaschine gekapert hatte und drohte, diese in die vollbesetzte Allianzarena in München stürzen zu lassen, schoss Lars Koch das mit 164 Passagieren besetzte Flugzeug ab, um die 70.000 Stadionbesucher zu retten. Die Frage, die TERROR nun in den Raum stellt ist: Dürfen Menschenleben nach Zahlen abgewogen werden?
Auch in zahlreichen anderen deutschen Städten wurde und wird abgestimmt: Schuldig oder nicht schuldig? Tendenziell wird mehr freigesprochen. In 60 Prozent der Aufführungen entschied sich das Publikum per Mehrheitsentscheid für Freispruch. Auch in Kassel wird häufiger freigesprochen.

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In Kritiken zum Stück liest man die ein oder andere Bemerkung, das Stück sei gar kein Stück. Bevor an dieser Stelle nun eine ausführliche Erörterung folgen könnte, was denn ein ‚Stück‘ dem Begriff nach definiere, soll gesagt sein, dass diese Meinungen wohl auf einen bestimmten Umstand anspielen: TERROR, das Theaterstück von Autor und Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach, wird nicht aufwendig inszeniert. bzw. es bedarf keiner aufwendigen Inszenierung.
Auch Patrick Schlösser, der am Staatstheater bereits Stücke wie ‚Im tiefen Tal der Todeskralle‘ oder ‚Kirschgarten‘ inszenierte, hält sich bei TERROR mit einer aufwendigen Umsetzung oder Überinterpretation zurück – Der Regisseur stelle sich in den Dienst des Stückes, wie der Intendant Thomas Bockelmann in seiner Rede auf der Premierenfeier anmerkte. Das Ziel von TERROR ist wohl auf allen Bühnen das gleiche: Die Zuschauer zum Nachdenken zu bringen und zu einer eigenen Meinungsfindung zu bewegen. Ohne Frage, TERROR ist textlastig. Aber auf diese Weise wird der Fall vielseitig beleuchtet und der Besucher mit Informationen ausgestattet, sodass er in seiner Rolle als Schöffe zu seiner Entscheidung finden kann. Das authentische Auftreten der Schauspieler und die Selbstverständlichkeit mit der sie ihre Rollen spielen verhelfen zu dem Eindruck, man selbst sitze in einer Gerichtsverhandlung.

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Sabrina Ceesay spielt eine kluge und zugleich einfühlsame Staatsanwältin. Christoph Förster einen wortkargen Verteidiger, der aber stets einen ironisch treffenden Kommentar auf den Lippen hat. Die Richterin, gespielt von Eva-Maria Keller, weist die Zuschauer vor dem Abstimmungsprozedere darauf hin, dass sie sich nicht von Sympathie oder Antipathie gegenüber der Staatsanwältin oder dem Verteidiger leiten lassen sollen. Aber die Argumente der Verteidigung und der Anklage sind auch so logisch und schlüssig, werden mit so viel Einfühlsamkeit und und Witz vorgetragen, dass es schwer fällt sich auf die eine oder andere Seite zu stellen – „Jede Antwort wäre falsch“, ist der letzte Satz, des Angeklagten in seinem Verhört. Franz Josef Strohmeier gelingt es, dem Angeklagten eine, einer tiefen moralischen Überzeugung geschuldete, Haltung zu verleihen, die jedoch in kurzen, feinen Momenten den Blick hinter die Fassade zulässt.
Es ist die Diskrepanz zwischen Moral und Gesetz und die Frage nach dem Wert eines Menschenlebens, die im Mittelpunkt der Verhandlung stehen. TERROR läuft noch bis Mitte Juni im Staatstheater.

 

 

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