Literatur

NIEDERGANG Roman Graf

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„So ist der Berg aus einer gewissen Distanz und von unten gesehen. An ihm ist nur Steilheit, gelassener Sieg, fragloser Sieg. Der oberste Teil seiner Flanke, aus Firn und grauem, leise glänzendem, glattem Fels, gleicht einem Schild, einem Panzer, einer feinen in Stahl oder Silber eingelegten Arbeit. Und das ganze langgezogene Gebilde dieses Gipfelbaues vor den hellen Himmeln hätte vielleicht auch den Eindruck erwecken können von einem sehr großen Schiff, das nicht in ein Erdmeer nur, das in die Ewigkeit hinein führe.“ (Ludwig Hohl: Bergfahrt)

Das Erhabene, oder Sublime, wie es der Philosoph Longinus bereits im ersten Jahrhundert nennt, sei mächtig genug, Ekstase hervorzurufen. Er bezieht sich dabei vor allem auf den Bereich der Rhethorik. Burke, britisch-irischer Philosoph bezieht den Begriff Mitte des 18.Jahrhunderts auf die Natur und beschreibt das Erhabene als etwas Mächtiges, Überwältigendes, mitunter Erschreckendes. Das Subjekt könne jedoch dem Erhabenen gegenüber mit genug Abstand ein lustvolles Schaudern, ein „delightful horror“ abgewinnen. Gewissermaßen ein durch Schmerz und Schauder gestiftetes Gefühl des Glücks und der Überwältigung. Schecken und Faszination liegen dabei furchtbar eng zusammen.

Roman Grafs Roman Niedergang ist eine Neubearbeitung von Ludwig Hohls Bergfahrt.
Überhaupt stellt sich Roman Graf als junger schweizer Schriftsteller mit einer Erzählung über das Bergsteigen in eine lange Tradition.
Er erzählt von Louise und André und von deren Vorhaben einen schweizer Berg zu besteigen. Genauer gesagt, scheint es wohl eher André’s Vorhaben. Louise kann seine Euphorie und man könnte sagen Besessenheit vom Aufstieg nur selten teilen.
André, ein Schweizer, der in Berlin wohnt, früher bei den Pfadfindern war und in seiner Kindheit und Jugend unzählige Bergtouren unternommen hat möchte mit Louise, seine Freundin, die an der Mecklenburgischen Seenplatte aufgewachsen ist seine Faszination für die Berge teilen. Das Gefühl, das man den ganzen Roman hindurch gegenüber André und Louise hat, changieret zwischen Nahbarkeit und Unberechenbarkeit.
Dass es zwischen André und Louise auf dieser Tour zu Konflikten kommen wird, ist von vornherein klar. Schon vor dem eigentlichen Aufstieg, eine Szene die bereits von den Erwartungshaltungen der Beiden erzählt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Louise, die André dazu überredet beim örtlichen Bäcker Halt zu machen, sich einen Kaffee und ein Croissant kauft und, während sie ihr Gebäck andächtig und langsam verspeist versucht den Aufstieg hinauszuzögern. Sie könnten doch auch am Nachmittag gehen, oder am nächsten Tag. Das Wetter. André, der still schweigend diese Pause hinnimmt, sich aber in Gedanken über Louise und ihren Versuch, den Aufstieg zu verschieben und ihre Schwäche, ärgert. Wenn Louise erst sehen würde, wie sie den Berg hinauf wandern, wie er vorraus eilen würde, mit Kraft und Schnelligkeit, wenn sie erst spüren würde, wie sie in einen Trott kommen, dann würde auch sie seine Motivation und Willensstärke teilen können, denkt André
Mit diesem stillen Szene beginnt Roman Grafs Roman Niedergang, in dem es in über 200 Seiten bergauf geht. Überhaupt zieht sich die Stille durch den ganzen Roman. Es ist eine drückende Stille, die am Ende weiß, schwer wird und schrill in den Ohren klingt.
Roman Graf erzählt seine Geschichte mit so viel Wortgewähltheit und Präzension, dass man der Erzählung, die eher aus Landschaftsbeschreibungen, aus Weitblick, Abgründen und Geröll, als aus Handlung besteht, nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf sprachästhetischer Ebene einiges abgewinnen kann. Er erzählt nüchtern, aber so genau, dass die brennende Sonne, die frische Bergluft, der steinig kratzige Untergrund beim Lesen so real wirken, beinahe spürbar.
So echt, so nahbar wirkt das alles, dass man den Punkt nicht mitbekommt, an dem die Erzählung zu kippen beginnt. Der schiefe Unterton, der immer lauter wird und der, wenn man ihn dann viel zu spät bemerkt, sich festsetzt, erschreckt.
Roman Grafs so unaufgeregte, nüchterne Erzählung geht tief und hinterlässt ein Schweigen und diesen schrillen Ton in den Ohren.

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